Rezension

[Rezension] Nele Pollatschek: Das Unglück anderer Leute

Familie und Ende treiben in den Wahnsinn – und das Buch in die Versenkung.

Hätte Verlegenheit Kalorien, so wären wir nach diesem Essen alle fettleibig gewesen.

pollatschek

Titel: Das Unglück anderer Leute

Autor: Nele Pollatschek

Verlag: Galiani Berlin im KiWi Verlag

Klappentext: Rabenmütter, Vaterwunden, Geschwisterliebe. In ihrem verblüffenden Debüt spielt Nele Pollatschek mit Statistik und Magie – und erzählt dabei eine turbulente, hochkomische und tieftraurige Geschichte vom Schicksalsschlag, eine Familie zu haben… Thene, 25, Oxford-Studentin mit Zweitwohnsitz in Heidelberg, lebt eigentlich ihren Traum: mit ihrem Freund im alten BMW zur Lieblingslichtung im Odenwald fahren, Klapptisch aufstellen, lesen, schreiben und ab und an ein Stück Kirschjockel essen. Leider aber fällt in Thenes Odenwald-Idyll immer wieder ein, was sie nur in kleinen Dosen verträgt: ihre Patchwork-Familie, eine in alle Himmelsrichtungen verstreute ostwestdeutsche Mischpoke. Allen voran: Ihre Mutter Astrid – Weltretterin, Punk, hochmanipulativ und mehr an ihren guten Taten als an ihren Kindern interessiert. Dann Georg, ihr Vater, der eigentlich die bessere Mutter gewesen wäre, wäre er nur nicht ganze fünf Jahre verschwunden, als Thene zehn war. Des Weiteren: Eine Schar von abgelegten Stiefvätern, unter ihnen der jüdisch-orthodoxe Menachem. Und – einziger Lichtblick – Menachems Sohn: Thenes fünfzehnjähriger Halbbruder Eli, Zauberlehrling und begnadeter Kenner von Statistik, Wahrscheinlichkeit und Magie. Als die Masterverleihung in Oxford ansteht, reist die Familie wie selbstverständlich an. Wer hätte schon ahnen können, dass der Zufall – das Schicksal? Gott? – ausgerechnet hier den Hebel ansetzt, um Thenes Welt aus den Angeln zu heben … (zur Verlagsseite)

„In der Trauer ist es tröstend, anderen zu helfen. Im Leben ist alles vereinzelt, aber im Tod sind wir alle gleich und in der Trauer miteinander verbunden.“

9783462316322

PUH! Also diejenigen, die mir auf Instagram folgen, haben vielleicht schon mitbekommen, dass ich von diesem Roman sehr, SEHR überfordert war, was das groteske Ende anging. Weiter unten gibt es ein Spoiler-Rant, aber vorher werde ich mich bemühen, spoilerfrei zu bleiben.

Es geht generell um die Oxford-Absolventin Thene und ihre wahnsinnig nervige und anstrengende Familie (ihren Halbbruder ausgenommen). Außerdem geht es um den Tod, das Schicksal und Wahrscheinlichkeiten. Als es nämlich auf dem Weg zu ihrer Abschluss-Zeremonie in Oxford einen Todesfall gibt, kommt die gesamte „Mischpoke“, die ihre Familie ist, zusammen, und das artet etwas aus. Leute werden aus dem Familien-Zusammenkommen vertrieben, dann muss getröstet werden und zwischen all dem soll Thene auch noch ihre Trauer begreifen. Die Familie macht sich dann auf zur Beerdigung, diskutiert während der Fahrt über alte Zeiten (die nicht immer gut waren.. wenn überhaupt) und als sie ankommen, sind alle baff über die riesige Menschentraube, die sich versammelt hat. Auf der Rückfahrt bzw. danach schlägt dann aber das Schicksal zu und alle beginnen, die Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten der Dinge zu berechnen…

Sterblichkeit ändert gar nichts. Die ist immer da, auch wenn wir sie verdrängen. Nur ich, morbide und hypochondrisch, konnte sie nie ganz vergessen. Ich war im Leben genauso scheiße zu meinen Verwandten, wie ich es auch nach dem Tode gewesen wäre. Oder zumindest war das die Maxime meines Handelns.

Spoilerwarnung! (spoilerfreies Fazit weiter unten)  Oh Mann. Innerhalb von 30 (vielleicht auch weniger) Seiten macht Nele Pollatschek ihr Buch kaputt. Die Beerdigung, die kleine Rede, die sie hält, alles hätte einen schönen Abschluss gegeben. Aber nein, man muss ja zum Schluss nochmal mit der Gülle-Kanone kommen und derart skurriles, groteskes Zeug einbauen! Innerhalb besagter 30 (oder auch weniger) Seiten rafft es einfach mal 6 weitere Familienangehörige dahin. Ähm. Nein. Einfach nur nein. Der erste Todesfall, die Eltern vom Vater, okay, das erscheint noch glaubwürdig. Dann aber die Oma mütterlicherseits, die mit den Worten „Ach nö, nicht auch noch Patzi“ (!) für tot befunden wird, dann Georg sowie Partner in einer Mr. Bean-esken Szene, und dann wird auch noch Ralf aka Menachem vom Blitz getroffen, was Thene übers Radio erfährt. Aber anstatt dass sie nun mit Halbbruder und Halbschwester zur Polizei geht oder zu sonst einer Einrichtung, um Hilfe zu suchen, fährt sie einfach mit beiden davon – ohne Führerschein, wohlgemerkt. Zu allem Überfluss lässt Hobby-Magier Eliah dann auch noch seine kleine Schwester verschwinden, die Polizei gabelt ihn auf, und Thene fährt einfach heimwärts, legt sich in ihr vertrautes Wäldchen und stirbt zu guter letzt auch. Meine Frage an euch, liebe Leser, ist jetzt: was zur Hölle? Laut Klappentext ist das Ende eines der Besten, „die ich je gelesen habe“ (-Alina Bronsky) – wie bitte? Also ich weiß ja nicht, wer Alina Bronsky ist, aber ich frage mich, ob sie das gleiche Buch gelesen hat. Bitte – wenn jemand von euch dieses Buch gelesen hat, meldet euch bei mir!! Ich habe Diskussionsbedarf 😀

Spoiler-Zitat! Als ich in die freudig weinenden Gesichter sag, war ich froh, dass ich gesagt hatte, was ich gesagt hatte. Nicht für Mama und für Rewka. Sondern für die armen Menschen, die eine Heilige verloren hatten. Es war wichtig, dass sie wussten, dass Astrid sie wirklich so geliebt hatte wie ihre Kinder. Auch wenn nur ihre Kinder wissen konnten, was das bedeutete.

Spoilerfreies Fazit: Wütend und voller beißendem Humor beschreibt Pollatschek das Unglück, eine Familie zu haben. Die Familienmitglieder können einen nur beim Lesen schon in den Wahnsinn treiben, sodass es teilweise richtig erzürnend war, die Gespräche zu verfolgen. Das Buch an sich war kurzweilig, allerdings passiert in den letzten Seiten so dermaßen viel, dass ich mir mehrere „Points of WTF“ Zettelchen reinkleben musste, weil ich sonst alles durcheinander gebracht hätte. Der Abschluss dieser Story war so definitiv nicht erwartet und überfordert mich auch gerade ziemlich, was die Wertung angeht, da der Großteil des Buches ziemlich gut war, das Ende aber eher… mir fällt kein Vergleich ein. Am Besten lest ihr es selbst, macht euch ein Bild, und kommentiert dann bitte unten, damit ich mit jemandem diskutieren kann! 😀

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Nele Pollatschek, "Das Unglück anderer Leute", Galiani Berlin im KiWi Verlag.
ISBN: 9783462316322, Zitate: S. 110, 181, 103, 186.
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