Rezension

[Rezension] Amélie Nothomb: Biographie des Hungers

Die „Röhre“ ist zurück! Frech, intelligent und immer hungrig: nach Büchern, Anerkennung, Liebe – und Schokolade!

Amélie Nothomb, Biographie des Hungers

Titel: Biographie des Hungers

Autor: Amélie Nothomb

Verlag: Diogenes

Klappentext: Eine Diplomatentochter hat’s nicht leicht: Kaum fühlt sie sich an einem Ort heimisch, muss sie schon wieder fort. Amélie Nothombs Kindheit und Jugend war doppelt hart, denn Himmel und Hölle wechselten einander ab: Auf die glücklichen Kleinkindjahre in Japan folgten vier Jahre im maoistischen China der Kulturrevolution, auf die berauschenden ersten Schuljahre in New York der Schock der Pubertät in Bangladesch und Burma. All das spiegelt sich wider im Hunger. Denn »der Hunger bin ich« – so die Autorin. Ein Hunger, der Nahrung braucht – Schokolade, Alkohol, Bücher –, ein Hunger auch, der Sehnsucht ist: Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe, Sehnsucht nach dem Tod – und endlich auch nach dem Leben. Amélie Nothombs Buch über ihre ersten zwanzig Lebensjahre ist sehr viel mehr als eine Autobiographie. ›Biographie des Hungers‹ ist ein Roman über den Hunger in all seinen Erscheinungsformen, über die (meta-)physische Sehnsucht nach allem, was die Welt zu bieten hat. (zur Verlagsseite)

Hunger ist Wollen. Er ist ein viel stärkeres Bedürfnis als das Begehren. Er ist nicht Wille, denn Wille ist Kraft. Auch keine Schwäche, denn Passivität ist ihm fremd. Der Hungrige ist ein Suchender.

Amélie Nothomb, Biographie des Hungers

Juhu! Nach dem zweiten autobiographischen Buch (chronologisch nach ihrem Alter), „Liebessabotage“ (hier rezensiert), kehrt Amélie Nothomb wieder zu dem herrlich egozentrischen, lockeren und zum Teil auch poetischen Schreibstil, den ich in „Metaphysik der Röhren“ (hier rezensiert) lieben gelernt habe, zurück – mit einem Thema, mit dem ich mich auch viel besser identifizieren kann als „Krieg“: nämlich dem Hunger. Sie erzählt über ihre Kindheit, die Länder, die sie und ihre Familie bewohnt haben, und den permanenten Hunger: nicht nach Essen (außer Süßigkeiten!), sondern nach Erfahrungen und Liebe. Nothomb stürzt sich im Kindesalter schon in leichten Alkoholismus, findet die Liebe zur Literatur und verschlingt Bücher ohne Ende, und sehnt sich gleichzeitig nach Erfüllung – von was, ist sie sich selbst noch nicht ganz sicher. Nothombs „Hunger“ beschreibt nämlich nicht nur den ständigen Antrieb, Süßigkeiten zu verspeisen, sondern auch die Sehnsucht nach so vielem, vor allem aber nach dem Leben. Vor ihrem ersten Selbstmordversuch mit drei Jahren glaubte sie, bereits alles erlebt zu haben, und fand die Vorstellung scheußlich, noch mindestens doppelt so viele Jahre zu leben, und mit sechs hat sie denselben Gedanken erneut: Was soll denn noch auf mich warten? Bis sie realisiert, dass sie noch nicht die Liebe in allen ihren Facetten erlebt hat – und jetzt kann sie natürlich auf keinen Fall sterben, bevor dies abgehakt ist.

Die Physiker träumen davon, das Universum aus einem einzigen Gesetz zu erklären. Das ist wohl ziemlich schwierig. Wäre ich ein Universum, ich ließe nur eine Macht gelten: den Hunger.

Nach ihrer Kindergartenzeit in China geht es nach New York, wo Nothomb endlich auf eine „richtige“ Schule kommt. Ihre Jahre dort sind spektakulär – sie liebt die Stadt und die Stadt liebt sie. In der Schule wegen ihrer Intelligenz verehrt und vergöttert, daheim von Familie und Nanny geliebt, ist ihr Leben nur noch ein einziges Feuerwerk. Doch dies ändert sich schnell wieder, als die nächsten Stationen in der Karrierelaufbahn ihres Vaters anstehen: Bangladesch und Burma.

Nothomb berichtet über die weiteren Stationen ihres noch sehr kurzen Lebens in einer einzigartigen Sprache und mit wunderbaren Bildern. Das Buch mag kurz sein, aber sie schafft es schon wieder, so viel Leben in die 200 Seiten reinzupacken, dass man staunend von einer Seite zur nächsten blättert. Ihr Stil wird niemals langweilig, ich habe das Buch aufgrund dessen an einem einzigen Nachmittag verschlungen. Viele Passagen waren so schön, dass ich sie direkt anstreichen musste. Definitiv ein Buch, das ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann! 🙂

Ich war die Brandung, das Sein, die radikale Abwesenheit des Nichtseins, der Fluss, wenn er am meisten Wasser führt, der Lebensquell, die Schutzmacht, zu der man fleht.

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Amélie Nothomb, "Biographie des Hungers", Diogenes Verlag.
ISBN: 9783257240429, Zitate: S. 20, 19, 32.
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3 Kommentare zu „[Rezension] Amélie Nothomb: Biographie des Hungers

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