Rezension

[Rezension] Fuminori Nakamura: Der Dieb

Spannend, blutig, kriminell, gefüllt mit Metaphern und nüchtern sowie wundervoll erzählt!

Fuminori Nakamura, Der Dieb

Titel: Der Dieb

Autor: Fuminori Nakamura

Verlag: Diogenes

Klappentext: Er betreibt sein Metier in den belebten Straßen Tokios und den überfüllten Wagen der U-Bahn. Er stiehlt mit kunstvollen, fließenden Bewegungen. Der Diebstahl ist der Kick in seinem Leben, das Gefühl, seinem Schicksal zu entrinnen – für den Moment. Doch seine dunkle Vergangenheit holt ihn wieder ein. Ein grandioser Thriller und eine dunkle, abgründige Geschichte über Schicksal und Einsamkeit. (zur Verlagsseite)

Wenn ich meine Hände nach dem Eigentum fremder Leute ausstreckte, fühlte ich in der Anspannung des Moments so etwas wie Freiheit. Ich fühlte, dass es möglich war, mich von der beengenden Umgebung zumindest ein ganz klein wenig zu lösen.

der-dieb-9783257069457Ein wunderbares 200-Seiten Büchlein mit einer wahnsinnigen Story: Protagonist ist ein Taschendieb in Japan, der seinen Kick daraus bekommt, Leuten ihre Portemonnaies aus der Tasche zu ziehen. Wir erfahren von seinem alltäglichen, riskanten Leben, immer auf der Hut, immer auf der Jagd. Nach und nach bekommen wir auch Einblicke in seine früheren Machenschaften: Durch einen Zufall gerät er ins Visier einer kriminellen Gruppierung, die ihn kurzerhand für einen bewaffneten Raubüberfall einspannt. Nicht begeistert, aber etwas verunsichert wegen der Gefahr, die ihm jetzt möglicherweise droht, macht er einfach das, was von ihm erwartet wird. Doch der Überfall wird zum Mord und auch einige Zeit später hängt dieser Vorfall ihm noch im Gedächtnis. Er macht sich Gedanken um seine damaligen Mittäter und um eine Frau, die er früher einmal gekannt hat, die aber auch verschwunden ist. Er reflektiert viel über sein Leben, was er in völliger Einsamkeit führt, bis er eines Tages eine Frau und ihren kleinen Sohn beobachtet, die im Supermarkt Lebensmittel mitgehen lassen. Aus einem Instinkt heraus warnt er sie, dass sie vom Ladendetektiv gesehen wurden, und von da an begegnet er dem kleinen Jungen immer öfter, immer mit einer Einkaufsliste seiner Mutter, was zu stehlen ist. Kurzentschlossen und widerwillig nimmt unser Protagonist ihn unter seine Fittiche, zeigt ihm wie es richtig geht und weist ihn väterlicherweise auch an, zukünftig nicht mehr zu stehlen. Doch der Junge bleibt hartnäckig und entwickelt ein Vertrauen ihm gegenüber und erzählt von seinem Zuhause. Da unser Protagonist erneut von der kriminellen Gruppierung (vielleicht sogar die Yakuza?) gezwungen wird, mehrere Dinge für sie zu erledigen, trennen sich hier die Wege der beiden. Doch die To-Do-Liste erscheint nur auf den ersten Blick als machbar…

Das Leben ist ein Mysterium. Aber hör zu. Warum bin ich in deinem Leben aufgetaucht? Glaubst du an Schicksal? Wurde dein Schicksal von mir kontrolliert, oder war es dein Schicksal, von mir kontrolliert zu werden? Aber am Ende sind das doch nur zwei Seiten derselben Münze, oder?

Nakamura erzählt mit einer ganz eigenen, schnörkellosen Sprache einen Ausschnitt aus dem Leben eines Taschendiebs. Die Erzählebenen werden gekonnt miteinander verwoben, die Anspannung des Protagonisten wird zu der des Lesers. In den Momenten, wo dieser sich eine kleine Pause vom Alltagsgeschäft gönnt, grübelt er über die Gesellschaft, seine Handlungen und die Vergangenheit. Wie er als Kind schon versuchte zu stehlen, sich die Objekte der Begierde aber immer wie ein Fremdkörper, der ihm die Hände verbrennt, aus seiner Hand fielen. Wir bekommen einen Einblick in seine Gefühlswelt, ohne jedoch viel mehr zu erfahren; der Protagonist bleibt im Verlauf des Buches ein Mysterium für uns.

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Fuminori Nakamura, "Der Dieb", Diogenes Verlag.
ISBN: 9783257069457. 

Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Diogenes Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

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2 Kommentare zu „[Rezension] Fuminori Nakamura: Der Dieb

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